Frei sprechen lernen: Das Training in vier Stufen

Von Jakob Dürnberger · Veröffentlicht:

Frei sprechen heißt nicht, ohne Vorbereitung zu reden, sondern im Moment schnell die richtigen Impulse zu finden: Wörter, Argumente, Beispiele. Das Wissen dafür ist längst im Kopf, wie in einer Bibliothek. Trainiert wird der Bibliothekar, der es schnell findet. Das geht über Assoziationsübungen in vier Stufen mit fünf Minuten am Tag und über eine Technik, mit der du zu jedem Thema minutenlang sprechen kannst.

5 Minam Tag, mehr braucht das Training nicht
4 Stufenvom Wort bis zum ganzen Thema
1 Fragestatt „was ist die perfekte Antwort“: Was verbinde ich damit?

Spontanes Sprechen ist wahrscheinlich das wichtigste Modul im ganzen Training, weil es eine Fähigkeit ist, auf der alle anderen aufbauen. Wer besser frei spricht, kann besser Smalltalk führen, besser argumentieren und sogar besser vorbereitet sprechen, weil die Worte kommen, statt gesucht zu werden. Und er braucht es in jeder Situation: in der Präsentation, beim Toast, bei den Quartalszahlen, in der Verhandlung, im Fahrstuhl. Wer es lernen will, braucht fünf Dinge: warum du dich blockierst, warum mehr Wissen nicht hilft, das Training in vier Stufen, die Technik für lange Redezeiten und was du tust, wenn du den Faden verlierst.

Was heißt frei sprechen wirklich?

Die meisten sagen: ohne Vorbereitung sprechen. Dann ist die Frage, wie du dich darauf vorbereiten sollst, ohne Vorbereitung gut zu sein. Das klingt paradox, aber es löst sich auf, wenn du genauer hinschaust. Frei sprechen heißt, dass dir in der Situation sehr schnell die richtigen Impulse kommen: Wörter, Begriffe, Argumente, Beispiele, Geschichten.

Eine Abgrenzung dazu, weil sie viele Missverständnisse auflöst: Frei sprechen heißt, dass der Wortlaut im Moment entsteht, auch wenn du eine Stichwortkarte in der Hand hast. Ein auswendig gelernter Text, den du ohne Zettel vorträgst, ist dagegen ein freier Vortrag, kein freies Sprechen, denn der Wortlaut stand vorher fest. Wer sagt „ich spreche immer frei“ und seine Einleitung auswendig kann, trainiert etwas anderes als die Fähigkeit, um die es hier geht.

Ich erkläre das mit einer Bibliothek. In deinem Kopf ist eine gut gefüllte gedankliche Bibliothek: deine Meinungen, Erfahrungen, was du gelesen und gehört hast, die richtigen Wörter, gute Argumente, der eine oder andere Witz, um eine Situation aufzulockern. Das alles ist gespeichert. Was fehlt, ist nicht der Inhalt, sondern der Bibliothekar, der ihn schnell findet.

Eine Klientin hat mir einmal gesagt, sie müsse mehr Zeitung lesen, dann habe sie mehr im Kopf. Das ist nicht der Hebel. Du hast genug Bücher in der Bibliothek. Wir machen aus dem Bibliothekar einen Sprinter, der durch die Gänge läuft und die richtigen Regale kennt.

Zwei gute Nachrichten dazu. Erstens funktioniert das, es ist kein Talent, sondern eine Übung. Zweitens geht es schnell, weil die Fähigkeit dahinter noch nie bewusst trainiert wurde.

Ein Markenvertreter eines großen Getränkekonzerns, der auf Pressekonferenzen sprechen musste, hatte sich jahrelang akribisch vorbereitet und damit die Angst nur verstärkt. Ein früherer Trainer hatte für ihn leere Veranstaltungshallen gebucht, damit er vor hundert leeren Sitzen üben konnte. Es hat nicht geholfen. Auf solche Situationen kannst du dich nicht vorbereiten, du kannst nur so tun als ob.

Geholfen haben eine Grundstruktur und das Training, das jetzt kommt. Vor seiner nächsten Präsentation vor dreihundert Leuten hat er geschrieben: Ich habe nichts auswendig gelernt. Danach: Es hat super geklappt.

Warum blockierst du dich?

Weil zwischen dem Impuls und dem Mund Filter sitzen. Ist das gut genug? Was denkt die andere Person von mir? Wenn ich das sage, mache ich vielleicht einen Fehler.

Und am Ende kommt nichts mehr heraus. Diese Gedanken sind vollkommen normal. Ich habe sie bei Fernsehreportern gesehen, bei Geschäftsführern, bei Studierenden.

Woher sie kommen, erkläre ich gern mit einem Monster im Kasten. Als Kind hilft gegen die Angst nur eines: den Kasten aufmachen und sehen, dass nichts dahinter ist. Also machen wir den Kasten auf.

Die Gesellschaft, in der wir vor einem Publikum präsentieren und im Meeting vor der Chefin brillieren müssen, gibt es erst seit ein paar tausend Jahren. Davor waren Menschen in kleinen Gruppen unterwegs und die Gruppe war Schutz, Wärme, Nahrung. Wer von der Gruppe abgelehnt wurde, hatte kaum Überlebenschancen. Dass du diesen Text liest, heißt, dass alle deine Vorfahren es geschafft haben, nicht ausgeschlossen zu werden.

Du trägst also ein Unbewusstes in sich, das bei jedem Auftritt denkt: Wenn ich jetzt Blödsinn sage, werde ich ausgeschlossen und das ist der Tod. Natürlich nicht. Aber das Unbewusste denkt es.

Die Konsequenz ist nicht, das Gefühl abzuschaffen. Die Tatsache, dass du nervös bist, bedeutet, dass du ein funktionierender Mensch bist. Die Konsequenz ist, sich davon zu distanzieren: Das Gefühl ist normal, es will mich beschützen und es ist nicht ich.

Und dann gehst du Schritt für Schritt aus der Komfortzone, damit das Unbewusste lernt: Warte, es ist nichts passiert, ich habe überlebt. Beim nächsten Mal ist die Reaktion schwächer, weil das Gehirn die Erfahrung vom letzten Mal hernimmt. Irgendwann sagst du: Ich sollte zwei Kaffee trinken, damit ich wieder etwas spüre.

Was viele stattdessen tun, ist der Fehler, den ich am häufigsten sehe. Sie sind gut vorbereitet, denken „ich kann das“ und dann kommt das mulmige Gefühl. Zwei Dinge passen nicht zusammen und das Gehirn löst den Widerspruch in die falsche Richtung: Vielleicht bin ich doch nicht kompetent, vielleicht muss ich das Skript auswendig lernen. Sie machen sich klein, um ein Gefühl zu erklären, das gar nichts mit Kompetenz zu tun hat.

Ich stehe seit vielen Jahren auf Bühnen und spüre es jedes Mal davor. Mittlerweile sage ich: Gut, ich bin noch ein Mensch und genau daran erkenne ich, dass ich wieder einmal wachse. Wie du mit der Anspannung selbst umgehst, steht im Artikel zum Lampenfieber vor Präsentationen.

Warum solltest du den Standard senken?

Das ist der Tipp, den du von einem Rhetoriktrainer nicht erwartest: Achte weniger darauf, was aus deinem Mund kommt.

Der Grund liegt in den Filtern. Wenn es in dir zu sprudeln beginnt und du das durch den ersten Filter drückst, ist das gut genug, und durch den zweiten, was denken die anderen, und durch den dritten, ich will keinen Fehler machen, dann kommt nichts heraus. Das, was sprudelt, baut nur mehr Druck auf.

Wir brauchen aber etwas, mit dem wir arbeiten können. Einen Rohdiamanten. Erst wenn ein Redefluss da ist, bekommen wir ihn. Bearbeiten können wir ihn danach.

Drei Filter oder keiner Hinter den Filtern kommt nichts heraus, ohne Filter der Rohdiamant
mit Filtern ohne Filter es sprudelt es sprudelt ist das gut genug? was denken die anderen? keinen Fehler machen nichts Rohdiamant Redefluss
  1. Drei FilterIst das gut genug, was denken die anderen, ich will keinen Fehler machen. Dann kommt nichts heraus.
  2. DruckDas, was sprudelt, baut nur mehr Druck auf. Und Druck heißt Adrenalin und Cortisol.
  3. RohdiamantErst wenn ein Redefluss da ist, bekommen wir ihn. Bearbeiten können wir ihn danach.

Der zweite Grund ist der Körper. Wer alles, was er sagt, tausendmal hinterfragt, in der Hoffnung, sich souveräner auszudrücken, baut Druck auf und Druck heißt Adrenalin und Cortisol. Dann sagt der Körper: Ich spüre Gefahr, ich kämpfe, erstarre oder laufe weg. Nichts davon formuliert gut.

Tausend Filter, die dich besser machen sollen, machen dich schlechter. Du fängst an zu stottern, vergisst den Text, vergisst die Wörter.

Viele dieser Filter stammen aus der Kindheit. Mach erst den Mund auf, wenn du etwas zu sagen hast.

Ich habe Klienten erlebt, die nach der ersten Einheit gesagt haben, das Training habe sich schon ausgezahlt, weil sie sich zum ersten Mal die Erlaubnis gegeben hatten, zu sagen, was sie im Kopf haben. Der Rucksack voller Steine war unten. Sie konnten reden, wie der Schnabel gewachsen ist.

Dazu eine These, die ich im Training oft anbringe: Wenn du die Wahl hast zwischen einem Inhalt mit Schulnote drei und einem Auftreten mit Note eins, oder umgekehrt, nimm das erste. Im Zwischenmenschlichen ist der Inhalt zweitrangig. Wer eine Rakete baut, braucht den Inhalt. Wer im Meeting spricht, braucht Lockerheit, Echtheit und Sicherheit.

Ein Versprecher schadet nicht, solange deine Kompetenz sichtbar ist. Bei sehr kompetenten Menschen kann eine kleine Panne sogar sympathisch machen, weil sie zeigt, dass da ein Mensch spricht. Wer ohnehin unsicher wirkt, gewinnt durch Fehler allerdings nichts.

Und wer nur das höchste Sprachniveau verwendet, macht sich nicht beliebt. Also: weniger nachdenken, mehr sprechen. So löst sich der Knoten.

Welcher Muskel wird trainiert?

Er heißt Assoziieren: Brücken herstellen, Sachen verbinden. Wenn ich Sommer sage, denkst du an Badehose, Flipflops, Strand. Wenn ich Regenwald sage, an Bäume, Klima, Pfeilgiftfrosch. Das ist Assoziieren und das Gehirn tut es von allein in Verbindungswegen.

Diese Kernfähigkeit hat kaum jemand je bewusst trainiert, weil man sie in der Schule nicht lernt. Deshalb reichen ein paar Minuten, um einen Unterschied zu merken. Es ist wie Kondition beim Sport, nur schneller: Jedes Mal, wenn du Dinge kreuz und quer verbindest, baut das Gehirn neue Verbindungen.

Die eine Frage, um die sich das Training dreht, lautet: Was verbinde ich damit? Das ist der Befehl, den wir ins Gehirn schicken. Das Gehirn ist eine Antwortmaschine. Was nicht funktioniert, ist die Frage: Was ist die perfekte Antwort?

Darauf bekommst du ein Blackout, weil das Gehirn das Konzept „perfekt“ nicht greifen kann. Perfekt existiert nicht. Es ist eine Geschichte, die du dir erzählst.

Und der zweite Tipp: bildlich vorstellen. Wer an einen Baum denkt, sieht mehrere Bäume, dann einen Wald, dann einen Spaziergänger, riecht frische Luft, sieht einen Apfelbaum. Der visuelle Kanal ist stark. Im Meeting brauchst du dir später nichts mehr vorzustellen, das läuft dann von allein, wie beim Autofahren, wo niemand mehr überlegt, wo die Kupplung ist.

Wie sieht das Training in vier Stufen aus?

Jede Stufe baut auf der vorigen auf und du gehst zur nächsten, sobald die aktuelle langweilig wird. Ich gebe Klienten dafür einen Jonglierball mit: Er liegt sichtbar auf dem Schreibtisch und beim Üben wirfst du ihn von einer Hand in die andere, weil das den Kopf lockert.

Das Assoziationstraining Vier Stufen, fünf Minuten am Tag
1 2 3 4 Wort Satz Thema Brillen schwieriger
  1. Stufe 1: Wort zu WortEin Wort und das nächste, das dir dazu einfällt. Pflanze, grün, Baum, Natur, Sport, Beachvolleyball, Strand, Urlaub. Zehn, zwanzig, dreißig Glieder, immer schneller. Startwörter: Innovation, Netzwerk, Ziel, Balance, Kultur, Strategie, Resilienz, Empathie.
  2. Stufe 2: Satz zu SatzEin Satz, ein Signalwort daraus, ein neuer Satz mit diesem Wort. Die Sätze müssen nichts miteinander zu tun haben, das Wort darf sich ändern. „Wien ist eine der lebenswertesten Städte der Welt.“ „Die Welt steht vor Herausforderungen in Wirtschaft und Umwelt.“ „Die Umwelt schont, wer die Bahn nimmt.“ Zehn Sätze.
  3. Stufe 3: Im ThemenrahmenDasselbe, aber alle Sätze bleiben in einem Thema. Gesundheit: „Bewegung fördert die psychische Gesundheit.“ „Bewegung stärkt das Immunsystem.“ „Das Immunsystem braucht Vitamin C.“ Schwieriger machen: engerer Rahmen, oder ein Thema, in dem du nicht zu Hause bist.
  4. Stufe 4: Der BrillenwechselZwei bis drei Minuten am Stück zu einem Thema, aus fünf Blickwinkeln. Wenn das leicht wird, fünf Minuten oder ein schwereres Thema. Dazu gleich mehr.

Bei Stufe 2 eine Regel, die alles leichter macht: Signalwörter sind keine Artikel, sondern Hauptwörter oder Verben, am besten solche, mit denen du viel verbindest. Das Wort „ausstechen“ kann im nächsten Satz eine ganz andere Bedeutung haben, Wettbewerb oder Plätzchenteig, beides erlaubt. Bei Stufe 3 trainierst du das, was in der Präsentation und in der Diskussion zählt: nicht irgendetwas verbinden, sondern spezifisch im Thema bleiben und schnell Beispiele und Argumente finden. Deshalb ist Stufe 3 auch die Basis für Schlagfertigkeit.

Ein Mindset-Hinweis, weil er nach der ersten Übung fast immer nötig ist: Es wird sich manchmal nach Überforderung anfühlen. Was sage ich hier überhaupt, ergibt das Sinn? Sobald du dir diesen Druck machst, wird es schwerer, weil eloquentes Sprechen Kreativität braucht und du nur entspannt kreativ bist. Ein bisschen Anspannung ist gut, die große nicht.

Senk die Erwartung. Fehler sind im Lernprozess unvermeidlich und wir brauchen sie als Stufen. Ob du zehn oder zehntausend einbaust, ist egal. Wichtig ist, dass du die Zeit füllst.

Wie sprichst du minutenlang zu jedem Thema?

Mit dem Brillenwechsel. Er ist die Antwort auf die Frage, die jeder kennt: Was soll ich dazu sagen? Statt auf Eingebung zu warten, betrachtest du das Thema durch fünf Brillen und jede Brille liefert Stoff.

Die fünf sind zeitlos, sie funktionieren bei Digitalisierung genauso wie bei Kaffee oder Beziehungen. Ich merke sie mir so: Zeit, Ort, Geld, persönlich, sozial.

Die fünf Brillen Am Beispiel Digitalisierung
ZeitWie war es früher, wie ist es heute, wohin geht es? Vor fünfzig Jahren hatte niemand ein Smartphone, heute kauft man Bahntickets damit, morgen werden weitere Prozesse digital. Früher kann gestern heißen oder vor tausend Jahren.
Ort und KulturWie ist es hier, wie anderswo? Österreich und Deutschland sind weniger weit als Japan. Eine Doku, ein Urlaub, ein anderes Land, in dem du gearbeitet hast.
GeldAlles, was mit Wirtschaft zu tun hat: Kosten, Ersparnis, Arbeitsplätze, innerbetrieblich, national, global. Monotone Prozesse werden automatisiert, Arbeitskräfte anders eingesetzt.
PersönlichDeine Erfahrung, deine Meinung, beruflich und privat. Hier gibt es keine Wahrheit, nur deine. Deshalb ist es der Blickwinkel, in den du dich immer zurückziehen kannst.
SozialWas macht das mit den Menschen? Jüngere finden Digitalisierung gut, Ältere oft zu kompliziert. Eine ganze Rede allein über eine Videoplattform und die jüngste Generation.

Drei Regeln dazu. Erstens: Du brauchst nicht jede Perspektive und nicht diese Reihenfolge. Nimm die, die dir zum Thema leichtfällt, bis nichts mehr kommt, dann die nächste. Du darfst Perspektiven auch verbinden: die jüngere Generation heute, deine eigene Erfahrung früher und der Urlaub in einem anderen Land, das ist eine Dreierkombination und genau das macht das Gehirn später von allein.

Fünf Brillen auf ein Thema Frei wählen und verbinden
Thema Zeit Sozial Persönlich Ort Geld
  1. Frei wählenDu brauchst nicht jede Perspektive und nicht diese Reihenfolge. Nimm die, die dir leichtfällt, bis nichts mehr kommt.
  2. VerbindenDie jüngere Generation heute, deine eigene Erfahrung früher und der Urlaub in einem anderen Land: eine Dreierkombination.
  3. PersönlichHier gibt es keine Wahrheit, nur deine. In diesen Blickwinkel kannst du dich immer zurückziehen.

Zweitens: Beispiele und Begründungen. Eine Behauptung glaubt man nur, wenn man dieselbe Meinung hat oder der Sprecher als Experte gilt. Ein „zum Beispiel“ macht es greifbar, ein „weil“ macht es logisch.

Drittens der Rahmen: Beginne mit „Digitalisierung ist ein vielschichtiges Thema“ und ende mit „zusammenfassend kann man sagen“. Der erste Satz stößt die Tür der Möglichkeiten auf, dann wundert sich niemand, dass viel kommt. Der letzte bündelt alles und plötzlich ergibt auch das Springen von links nach rechts Sinn.

Die Synonyme dafür: „Das Fazit an der Stelle ist“, „unterm Strich zählt“, „am Ende des Tages“. Wenn du dich in einem Meeting verzettelst, ist das der Shortcut aus dem Labyrinth, denn die Zuhörer nehmen ohnehin nur die letzten zehn Prozent mit.

Der Rahmen um die fünf Brillen Der erste Satz öffnet, der letzte bündelt
„Digitalisierung ist ein vielschichtiges Thema“ öffnet die Tür der Möglichkeiten Zeit Ort Geld persönlich sozial „zusammenfassend kann man sagen“ bündelt alles
Andere Wörter dafür: „Das Fazit an der Stelle ist“, „unterm Strich zählt“, „am Ende des Tages“.

Eine Klientin aus der IT hat über jedes Thema sprechen können, egal ob Führung, Kommunikation oder Digitalisierung, und zwar genau eine Minute. Dann war Schluss, weil sie alles mit ihrer Arbeit verbunden hat, und nach einer Minute ist es eng geworden wie in dem Film, in dem sich die Wände einer Höhle zusammenschieben. Mit den fünf Perspektiven kann sie heute so lange über ein Thema sprechen, wie sie will.

Fortgeschrittene entwickeln eigene Perspektiven dazu, die in ihrem Beruf immer passen. Bei mir sind das die klassische Rhetorik und die Erfahrungen aus Coachings. Wer sie kennt, wird bei keiner Frage mehr festgenagelt.

Und die Perspektive Zeit hat eine Besonderheit, die schon Aristoteles beschrieben hat. Wer über die Vergangenheit spricht, hält eine Gerichtsrede: Ist etwas passiert oder nicht? Wer über die Gegenwart spricht, eine Festrede: So gut läuft es gerade.

Wer Veränderung will, muss über die Zukunft sprechen, weil Veränderung immer in der Zukunft liegt. Deshalb reden Politiker über die schöne Zukunft, wenn man sie wählt. Aus demselben Grund ist die Zukunft die Form, die in jedem Meeting motiviert.

Was tun, wenn du den Faden verlierst?

Hoffe nicht, dass es nie passiert. Hoffe, dass du wieder hineinkommst. Du wirst mit Sicherheit öfter aussteigen, weil du ein Mensch bist.

Das lässt sich nicht steuern. Was sich trainieren lässt, ist, den Faden schnell wieder aufzuheben.

Der Weg zurück führt über die Kernbotschaft. Worum geht es gerade eigentlich? Bei einer Rede über Digitalisierung lautet sie vielleicht nur: Das ist ein umfangreiches Thema. Dorthin zurück, neu anknüpfen, weiter.

Der Fehler, der das verhindert, ist der Blick in die Vergangenheit: Passt das, was ich jetzt sage, zu dem, was ich vorhin gesagt habe? Das ist Autofahren mit Blick in den Rückspiegel. Schau auf die Straße: Wo will ich hin?

Und räum mit einer Erwartung auf, die viel Druck erzeugt. Du musst fünf Minuten sprechen und denkst: Ich habe kein Fünf-Minuten-Skript im Kopf. Richtig, das ist auch nicht möglich, so gut ist das Arbeitsgedächtnis nicht. Auswendiglernen wäre eine Vermeidungsstrategie.

Was möglich ist: die Sicherheit, dreißig Sekunden zu sprechen, dann noch einmal dreißig, dann eine Minute. Du legst die Kernbotschaft fest und steigst ein, zwanzig Sekunden, alle hören zu. Dann ein Argument von dreißig Sekunden und noch eines, dazu ein persönliches Beispiel. Schon sind es zwei, drei Minuten und du kommst zum Appell, malst die Zukunft aus und bist am Ende. Für fünf Minuten kommen ein drittes Argument und ein zweites Beispiel dazu, mehr nicht.

Fünf Minuten aus kleinen Stücken Kein Skript im Kopf, nur Blöcke und eine Leitlinie
Kernbotschaft: Das ist ein umfangreiches Thema Einstieg, 20 Sekunden Argument, 30 Sekunden noch ein Argument persönliches Beispiel Appell: Zukunft ausmalen Faden verloren zurück, neu anknüpfen, weiter zwei, drei Minuten
Für fünf Minuten kommen ein drittes Argument und ein zweites Beispiel dazu.

Wie übst du im Alltag weiter?

Mit einem Deal, den ich jedem Klienten anbiete: fünf Minuten am Tag. Das ist nicht viel, aber nach einer Woche merkst du den Unterschied.

Der Fünf-Minuten-Plan Und drei Übungen für Fortgeschrittene
Feste Zeit, fester OrtWecker fünf Minuten früher und nach dem Zähneputzen assoziieren. Oder beim Warten auf den Bus um acht. Oder am Heimweg zu Fuß. Gleiche Zeit, gleicher Ort, dann wird es Gewohnheit. In den Kalender eintragen.
Die Stufe wählenAnfänger zwei, drei Tage Wörter, dann Sätze. Wer es leicht findet, gleich in den Themenrahmen. Startwörter und Anfangssätze neben den Badezimmerspiegel hängen.
Brücken bauenFünf Wörter als Inseln unter einem Oberthema: Kommunikation, Mitarbeiter, effektiv, Team, Vertrauen. Auf jeder Insel kurz verweilen, dann eine Brücke zur nächsten. Das Oberthema ist der Leitstern, der den roten Faden hält. Eine Präsentation ist nichts anderes als diese Übung.
Das PräsentationsendeEin Zielsatz ist vorgegeben: „Deshalb ist es wichtig, klare Ziele zu haben.“ Du startest spontan und kommst mit jedem Satz näher, bis der Zielsatz dein letzter ist. Eine Minute. Vorher die Vorteile nennen, dann kommt der Schluss von allein.
PowerPoint-KaraokeFremde Folien, die du nicht kennst, präsentieren, als hättest du dich tagelang vorbereitet. Titelfolie dreißig Sekunden, jede weitere eine Minute. Meine Lieblingsübung und ein Ego-Boost, wenn es klappt.

Zwei kleine Übungen passen in jeden Tag, auch ohne feste Übungszeit. Das Wortfeld: Bevor du zu einem Thema frei sprichst, notiere eine Minute lang zehn bis fünfzehn konkrete Wörter, die dazugehören, am besten Dinge, die man sehen, hören oder anfassen kann. Beim Thema Budget sind das vielleicht Excel-Tabelle, Dienstreise, Kaffeemaschine, Quartalsende. Dann sind die Wörter schon wach, wenn du sie brauchst.

Das Nacherzählen: Sprich am Abend deinen Tag in zwei Minuten ins Handy, erzähl einen Artikel, den du gelesen hast, beim Abendessen nach, oder fass ein Telefonat danach in drei Sätzen zusammen. Das trainiert den Abruf ganzer Gedankengänge, nicht nur einzelner Wörter.

Beim Üben zu zweit gilt eine Regel: Der andere muss dir den Ball reflexartig zurückwerfen und du ihm. Es ist egal, ob der Ball oben, unten, links oder rechts fliegt. Der Kern der Übung ist, dass du ihn instinktiv retournierst. Wer beim Üben immer noch etwas Gescheites sagen will, hat den Filter noch an.

Und ein Hinweis, der nach den ersten Aufnahmen fast immer kommt: Sprich langsamer. Bei Unsicherheit willst du es schnell hinter dich bringen. Woher diese Unsicherheit kommt, steht im Artikel Unsicher beim Reden. Langsamer heißt weniger Füllwörter und mehr Zeit für die Gedanken.

Was du an einer Aufnahme prüfst: Hat der Anfang Aufmerksamkeit geholt? Hat die Stimme sicher geklungen? Füllwörter? Hat es am Ende eine Zusammenfassung oder einen Appell gegeben?

Wie der Anfang gebaut wird, steht im Artikel zum Einstieg in die Präsentation. Such dir für morgen früh ein Startwort aus der Liste aus und stell den Wecker fünf Minuten früher.

Aus meiner Coaching-Praxis: Thomas hat ein Problem, das ich oft höre: Er spricht mehrmals im Jahr vor der gesamten Belegschaft samt Vorstand im Publikum und hat seine Einleitungen bisher auswendig gelernt. Er leitet einen großen Produktionsstandort und soll hier Thomas heißen. In der ersten Einheit haben wir mit den Wortketten begonnen und sie sind sofort gelaufen, zehn von zehn.

Bei den Satzketten ist ihm etwas aufgefallen, das er selbst benannt hat: Er läuft vor der Zeit, bereitet schon den nächsten Satz vor, während er den aktuellen spricht. Deshalb wirken manche Sätze unsinnig. Die Worte sind da, nur der bewusste Zugriff stört.

Dann der Brillenwechsel, Thema Digitalisierung, zwei Minuten. Nach einer Minute vierzig ist er herausgekommen: wilde Sprünge, keine Struktur, sein Urteil. Wir haben nicht geübt, nicht herauszukommen, sondern wieder hineinzukommen: Kernbotschaft, neu anknüpfen, dazu Beispiele und ein „weil“. Der zweite Durchgang hat mit einem Schluss geendet, der die Gegensätze gebündelt hat und den man in einer Diskussionssendung hätte senden können. Es war eine der stärksten Reden, die ich in einer ersten Einheit gehört habe. Die nächste Einheit haben wir für seine Betriebsversammlung genutzt, in einer wirtschaftlich schweren Phase, mit der Aufgabe, Orientierung zu geben, ohne zu beschönigen.

Dranbleiben, bis das freie Sprechen sitzt

Wenn du die Übungen kennst und allein nicht dranbleibst, oder wenn du beim Üben merkst, dass die Filter stärker sind als die Technik. Das ist häufiger der Fall, als du vielleicht denkst: Die Wörter sind da, der Zugriff ist da. Trotzdem kommt im Meeting nichts, weil die Bewertung dazwischen sitzt. Daran arbeiten wir zuerst, dann am Abruf.

Im Einzeltraining gehen wir die vier Stufen in einer Einheit durch, mit Themen aus deinem Alltag. Du sprichst zwei bis drei Minuten am Stück, bevor du es dir zugetraut hättest. Danach hast du den Plan für fünf Minuten am Tag und den Ball auf dem Schreibtisch. Hier findest du mehr Informationen zum Coaching.

Kostenloses Tool: Füllwort-Checker

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Häufige Fragen

Wie lernt man frei zu sprechen?

Nicht über mehr Wissen, sondern über schnelleren Abruf. Das Training heißt Assoziieren: Wort zu Wort, dann Satz zu Satz, dann in einem Themenrahmen, dann mit dem Brillenwechsel zu einem ganzen Thema. Wenn du fünf Minuten am Tag übst, merkst du nach einer Woche den Unterschied in Meetings.

Warum fallen mir im Meeting die Worte nicht ein?

Weil Filter dazwischen sind: Ist das gut genug? Was denken die anderen? Jeder Filter baut Druck auf und unter Druck schaltet der Körper in den Überlebensmodus. Die Lösung klingt unerwartet: erst einmal einen Redefluss entwickeln und den Standard für das senken, was aus dem Mund kommt.

Was ist der Brillenwechsel?

Ein Grundgerüst, mit dem du zu jedem Thema minutenlang sprechen kannst: Zeit, Ort, Geld, persönlich, sozial. Du betrachtest das Thema nacheinander durch diese fünf Brillen, beginnst mit „X ist ein vielschichtiges Thema“ und endest mit „zusammenfassend kann man sagen“.

Was tun, wenn ich beim Sprechen den Faden verliere?

Nicht hoffen, dass es nie passiert, sondern üben, wieder hineinzukommen. Auf die Kernbotschaft besinnen und neu anknüpfen. Wer beim Sprechen ständig prüft, ob das Gesagte zum Vorherigen passt, fährt Auto mit Blick in den Rückspiegel.

Kann man sich ein Fünf-Minuten-Skript im Kopf merken?

Nein, dafür reicht das Arbeitsgedächtnis nicht und Auswendiglernen ist eine Vermeidungsstrategie. Was möglich ist: die Sicherheit, dreißig Sekunden zu sprechen, dann wieder dreißig, dann eine Minute. Einstieg, zwei Argumente, ein Beispiel, Appell: Das sind zwei bis drei Minuten. Für fünf Minuten kommen ein drittes Argument und ein zweites Beispiel dazu.

Wie lange dauert es, bis freies Sprechen leichter wird?

Die ersten Effekte kommen nach wenigen Minuten Assoziationstraining, weil die Fähigkeit nie bewusst geübt wurde. Spürbar im Alltag wird es nach einer Woche mit fünf Minuten täglich. Verlässlich unter Druck nach einigen Wochen, wenn die Übungen zur Gewohnheit geworden sind.

Ist Nervosität beim freien Sprechen normal?

Ja, sie ist ein Relikt aus einer Zeit, in der Ablehnung durch die Gruppe lebensgefährlich war. Dass du nervös bist, heißt, du bist ein funktionierender Mensch. Die Aufgabe ist nicht, das Gefühl abzuschaffen, sondern sich davon zu distanzieren: Es ist normal, es ist nicht ich, es geht vorbei.

Was ist PowerPoint-Karaoke?

Eine Übung für Fortgeschrittene: Du präsentierst fremde Folien, die du vorher nicht gesehen hast, so, als hättest du dich tagelang vorbereitet. Dreißig Sekunden für die Titelfolie, eine Minute je weitere Folie. Sie trainiert genau das Assoziieren unter Druck, das im Ernstfall gebraucht wird.

Quellen

  1. Collins, A. M. & Loftus, E. F. (1975). A spreading-activation theory of semantic processing. Psychological Review.
  2. Levelt, W. J. M. (1989). Speaking: From Intention to Articulation. MIT Press.
  3. Baddeley, A. (1992). Working memory. Science.
  4. Aristoteles. Rhetorik. Buch I, Kapitel 3: Gerichtsrede, Festrede und beratende Rede.
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