Ein Blackout fühlt sich an wie ein Versagen des Gedächtnisses. Es ist aber keines. Du weißt in diesem Moment alles, was du vorher wusstest. Du kommst nur nicht heran.
Das ist ein wichtiger Unterschied, weil daraus folgt, was hilft, und weil es erklärt, warum der naheliegende Reflex die Lage verschlimmert.
Warum wird der Kopf plötzlich leer?
Weil zu viel Energie im System ist.
Dein Körper stellt vor einem Auftritt Energie bereit, weil er die Situation als gefährlich einstuft. Das ist sinnvoll, solange es im Rahmen bleibt. Steigt die Aktivierung aber weiter, kippt die Sache. Ab einem gewissen Punkt zieht dein Gehirn den Stecker, weil es mit der Menge nichts Sinnvolles mehr anfangen kann.
Der Weg dorthin läuft fast immer in derselben Spirale ab:
- 1 Die Anspannung ist daPuls hoch, Atmung flach. Normal und für sich genommen kein Problem.
- 2 Du bemerkst die AnspannungUnd bewertest sie als Warnsignal: Hoffentlich geht das jetzt gut.
- 3 Die Bewertung erhöht die AktivierungDer Körper reagiert auf die Sorge wie auf eine zweite Gefahr und legt nach.
- 4 Der Zugriff bricht abZu viel Aktivierung, der Arbeitsspeicher ist belegt. Der Kopf ist leer.
Was hier ausfällt, hat einen Namen: das Arbeitsgedächtnis. Das ist der kleine Bereich, in dem du gerade Gedachtes festhältst, während du den nächsten Satz bildest. Freies Sprechen braucht ihn permanent.
Sian Beilock und Thomas Carr haben 2001 und in den Jahren danach untersucht, warum Menschen unter Druck genau das nicht mehr können, was sie eigentlich beherrschen. Ihr Befund: Die Sorge selbst belegt den Arbeitsspeicher. Wer sich fragt, ob es gerade gut läuft, verbraucht damit die Kapazität, die er zum Denken bräuchte. Besonders betroffen sind dabei ausgerechnet Menschen mit gutem Arbeitsgedächtnis, weil sie sich sonst stark darauf stützen.
Michael Eysenck und Kollegen haben 2007 dasselbe Muster aus einer anderen Richtung beschrieben: Angst beeinträchtigt weniger die Leistung selbst als die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit dort zu halten, wo sie hingehört. Du wirst abgelenkt, und zwar von innen.
Bei einem Blackout brauchst du nicht mehr Konzentration, sondern weniger Aktivierung. Deshalb ist die Pause die wirksamste Maßnahme, obwohl sie sich falsch anfühlt.
Was tun in den ersten zehn Sekunden?
Hier ist der Plan. Lern ihn, bevor du ihn brauchst, denn im Moment selbst kannst du nichts mehr lernen.
- Stehen bleibenNicht zum Laptop gehen, nicht in den Unterlagen blättern. Bewegung macht die Pause sichtbar, Stillstand nicht.
- Einmal langsam ausatmenEin einziger verlängerter Ausatemzug senkt die Aktivierung spürbar. Das ist der Schritt, den fast alle überspringen.
- Den vorbereiteten Satz sagen„Ich fasse den Punkt noch einmal zusammen, bevor ich weitergehe.“ Damit gewinnst du Zeit und wirkst strukturiert statt verloren.
- Den letzten Gedanken wiederholenSag die letzte Kernaussage noch einmal in eigenen Worten. Meistens kommt der nächste Punkt dabei von selbst zurück.
Ein Blackout wird für das Publikum nicht durch die Stille sichtbar, sondern durch das, was du mit der Stille machst. Eine ruhige Pause von fünf Sekunden liest der Raum als Nachdenken oder als Betonung. Hektisches Suchen liest er als Blackout.
Reicht der Notfallsatz allein nicht, frag dich still: Worum geht es mir hier eigentlich? Die Antwort ist fast immer deine Kernbotschaft und von dort kommst du weiter, notfalls mit dem nächsten Punkt statt mit dem fehlenden. Dass ein Punkt fehlt, merkt im Raum kaum jemand.
Wenn nach der Zusammenfassung wirklich nichts kommt, gibt es einen zweiten Ausweg, der besser funktioniert als sein Ruf: die Frage an den Raum. „Bevor ich weitergehe: Gibt es zu diesem Punkt schon Fragen?“ Das gibt dir dreißig Sekunden, in denen jemand anderes spricht. Währenddessen sinkt deine Aktivierung.
Und wenn auch das nicht hilft, sag es ruhig und ohne Entschuldigung: „Mir ist gerade der Faden gerissen. Wo war ich stehen geblieben?“ Das ist etwas anderes als das „Entschuldigung, ich bin raus“ weiter unten. Du bittest nicht um Nachsicht, du holst den Raum dazu.
Schlimm ist nicht der fehlende Punkt, schlimm ist, wenn du den Kontakt zum Publikum abbrichst.
Was du in dem Moment nicht tun solltest
- „Entschuldigung, ich bin raus.“Macht aus einer Pause ein Ereignis, das alle bemerken.
- Schneller weitersprechenErhöht die Aktivierung weiter, der Zugriff kommt noch schlechter zurück.
- In den Folien zurückklickenKostet zwanzig Sekunden Suchen und lenkt alle Blicke auf die Lücke.
Zum ersten Punkt eine Beobachtung aus der Praxis: Die Entschuldigung ist der häufigste Fehler und der teuerste. Sie erklärt dem Raum, dass gerade etwas schiefgeht, was der Raum sonst gar nicht bemerkt hätte. Und sie erhöht deine eigene Bewertung der Lage, womit die Spirale weiterläuft.
Wie beuge ich vor, ohne mehr auswendig zu lernen?
Mehr Auswendiglernen ist die naheliegende Reaktion und die falsche. Ein auswendig gelernter Fließtext hat eine gefährliche Eigenschaft: Er bricht an einer einzigen Stelle komplett zusammen. Fehlt ein Wort, fehlt der ganze Rest, weil du dich an der Wortfolge entlanghangelst.
Was tatsächlich schützt, ist eine Struktur aus wenigen Kernaussagen. Die kannst du auch dann noch abrufen, wenn du aus dem Takt geraten bist, weil sie inhaltlich zusammenhängen und nicht sprachlich. Wie du entlang einer solchen Struktur frei sprichst, steht im Artikel zum freien Sprechen.
- Die Einleitung wörtlich, bis zur Ankündigung des ThemasDieser Teil wird wirklich auswendig gelernt, dazu der Schluss mit Zusammenfassung und Appell. Die Einleitung überbrückt genau die Phase, in der die Aktivierung am höchsten ist.
- Der Rest als drei bis fünf KernaussagenPro Aussage ein Stichwort, nicht mehr. Du sollst die Reihenfolge kennen, nicht den Wortlaut.
- Ein Übergangssatz zwischen den Teilen„Damit zum zweiten Punkt.“ Diese Sätze sind deine Haltegriffe, wenn du den Faden verlierst.
- Der NotfallsatzEiner, wörtlich, immer derselbe. So vertraut, dass er auch unter Anspannung kommt.
Warum gerade die Einleitung? Weil die Aktivierung bei den meisten Menschen deutlich abfällt, sobald du in den ersten Sätzen drin bist. Wenn du diese Phase überbrückst, kommst du in einen Zustand, in dem dein Arbeitsgedächtnis wieder zur Verfügung steht. Wie lang deine Einleitung bei deinem Sprechtempo dauert, rechnet dir der Redezeit-Rechner aus.
Und am Abend davor?
Zehn Minuten schreiben, was dich an dem Termin beunruhigt. Ungefiltert, nur für dich.
Diese Technik hat eine Geschichte, die du kennen solltest. Gerardo Ramirez und Sian Beilock haben 2011 in Science eine vielbeachtete Untersuchung veröffentlicht: Menschen, die vor einer Prüfung ihre Sorgen aufgeschrieben haben, schnitten anschließend besser ab, besonders die ängstlichen unter ihnen. Ein großes Replikationsprojekt hat das später zweimal mit deutlich größeren Stichproben geprüft und den Effekt nicht gefunden.
Ich empfehle das Aufschreiben trotzdem, aber als Erfahrung aus meiner Arbeit, nicht als belegt. Der Gedanke dahinter passt zum Blackout: Sorgen, die im Kopf kreisen, belegen Arbeitsspeicher. Aufgeschrieben tun sie das bei den meisten Menschen nicht mehr.
Ist ein Blackout ein schlechtes Zeichen?
Nein. Ich sage das nicht aus Höflichkeit.
Ich hatte selbst Blackouts. Angefangen hat es in der Schule. Wenn mich der Lehrer im Englisch- oder Deutschunterricht zum Vorlesen drangenommen hat und alle Augen auf mir waren, konnte ich keinen geraden Satz mehr sprechen, nicht einmal normal lesen. Die anderen haben gelacht und gemeint, ich sei Legastheniker.
Was das später beendet hat, war die Fähigkeit, die Anspannung herunterzuregeln, unter anderem mit der Boxatmung. Das war für mich der größte Hebel. Heute bin ich nur noch vor großen Auftritten manchmal aufgeregt. Blackouts habe ich keine mehr. Ausführlich steht das im Artikel über das Überwinden der Angst vor Präsentationen.
Was ein Blackout anzeigt, ist nicht mangelnde Kompetenz, sondern ein Aktivierungsniveau, das zu hoch war. Das ist eine Stellgröße und Stellgrößen kannst du verändern.
Aus meiner Coaching-Praxis: Eine Woche vor einer Vorstellung auf Englisch ist Jan bei einer Übungsrunde hängen geblieben und hat nicht mehr weitergewusst. Jan heißt in Wirklichkeit anders und arbeitet als Assistent in einem internationalen Unternehmen. Präsentieren gehört nicht zu seinen Aufgaben, er macht es freiwillig, um zu wachsen.
Beim Durchgehen hat sich gezeigt, wie er übt: Er nimmt sich auf und bei jedem Versprecher bricht er ab und beginnt von vorn. Damit hat er genau das trainiert, was ihn im Ernstfall blockiert, nämlich dass nach einem Fehler nichts mehr geht. Wir haben das umgedreht. Er übt jetzt so, dass er bei einem Hänger kurz durchatmet, sich fragt, wohin er eigentlich will, und ohne Neustart mit dem nächsten Punkt weitermacht.
Und wir haben über die drei Tage gesprochen, die er nach einem Fehler grübelt, während die anderen ihn nach drei Minuten vergessen haben. Am Ende hat er gesagt, ihm sei gerade klar geworden, dass er beim Üben das Gegenteil von dem gelernt habe, was er braucht. Was ich daraus mitnehme: Wer beim Üben keine Fehler zulässt, lernt nicht, nach einem Fehler weiterzusprechen.
War das jetzt ein Fehler?
Nach einem Blackout setzt bei fast allen dasselbe ein: Der Abend gehört der Frage, wie schlimm es war. Deshalb ein Umweg, der im Coaching zuverlässig für Erleichterung sorgt.
Nimm den Satz: eins plus eins ist drei. Ein Fehler? In Mathematik ja.
In der Zellbiologie kann aus zwei Zellen durchaus eine dritte werden, dort nicht. Und hier in diesem Text ist es ein Beispiel und damit genau richtig.
Was du messen kannst, ist das Ergebnis. Dass es ein Fehler ist, ist eine Schlussfolgerung, die am Blickwinkel hängt.
Der bekannteste Fall dazu ist Alexander Fleming, der eine Bakterienkultur unabgedeckt stehen ließ. Ein Schimmelpilz geriet hinein und daraus entstand das Penicillin. Nach den Regeln des Labors war das ein Versäumnis. Nach den Maßstäben der Medizin war es eine der folgenreichsten Unachtsamkeiten der Geschichte.
Wenn ohnehin du es bist, der bewertet, warum wählst du dann eine Bewertung, die dir schadet?
Dein Blackout ist zunächst ein Ergebnis: Du hast vier Sekunden lang nichts gesagt. Ob daraus eine Katastrophe wird, entscheidet sich im Kopf, und zwar bei dir zuerst.
Wie dir die Kurskorrektur den Abend danach erleichtert
Damit aus dem Abend danach etwas Brauchbares wird, verwende ich ein Vorgehen, das ich Kurskorrektur nenne: Ergebnis, Erkenntnis, Korrektur. Drei Schritte, immer dieselben.
Der Grund, warum das so entlastet, ist das, was dabei wegfällt.
Ein Lernalgorithmus, der Schach spielt, arbeitet genauso: probieren, auswerten, korrigieren. Was er nicht tut, ist sich abzuwerten oder an seiner Eignung zu zweifeln. Er stellt fest, dass es so nicht geht. Dann probiert er es anders.
Dahinter steht dieselbe Rechnung wie überall in meiner Arbeit: Erfolg ist eine Folge davon, dass Bedingungen erfüllt sind. Für ein Lagerfeuer brauchst du trockenes Material, Brennstoff, Luftzufuhr, Reibung, Schutz vor Wind und einen Funken. Fünf davon hast du, der Funke fehlt, also brennt nichts. Trotzdem bist du nicht ungeeignet fürs Feuermachen.
Bei einem Vortrag sind die Bedingungen: klare Kernaussage, sitzender Einstieg, festgelegte Übergänge, Pausen und genug Wiederholung, damit das unter Anspannung abrufbar bleibt. Ein Blackout zeigt dir, welche davon noch fehlt. Nimm dir nach deinem nächsten Auftritt die fünf Minuten, geh die drei Schritte durch und such die eine Bedingung, die gefehlt hat.
Was, wenn der Kopf immer wieder leer wird?
Wenn das Blackout mehrfach aufgetreten ist und inzwischen die Erwartung mitläuft, dass es wieder passiert. Diese Erwartung erhöht die Anspannung und macht es wahrscheinlicher. Aus dieser Schleife kommst du allein schwer heraus.
Im Training arbeiten wir an zwei Dingen. Erstens sprichst du deinen Notfallsatz so oft, bis er auch unter Anspannung kommt, denn ein Satz, den du erst suchen musst, hilft dir im Ernstfall nicht.
Zweitens baue ich absichtlich Störungen ein: eine Zwischenfrage mitten im Satz, ein Blick auf die Uhr, ein Widerspruch. Du sollst den Faden verlieren, solange es nichts kostet. So lernst du, ihn wiederzufinden.
Im Einzeltraining üben wir genau die Situation, in der es passiert ist, inklusive Zwischenfragen und Störungen. Auf jeden Durchgang folgt eine konkrete Rückmeldung. Hier findest du mehr Informationen, wie wir im Coaching an deiner Sicherheit vor Publikum arbeiten.
Probier es direkt aus, ohne Anmeldung.
Häufige Fragen
Was tun bei einem Blackout während der Präsentation?
Stehen bleiben, einmal langsam ausatmen und einen vorbereiteten Satz sagen, zum Beispiel: Ich fasse den Punkt noch einmal zusammen, bevor ich weitergehe. Das kostet zehn Sekunden, wirkt souverän und bringt dich zurück in den roten Faden. Nicht hektisch weitersprechen und nicht auf den Folien suchen.
Warum bekommt man ein Blackout?
Weil die Anspannung so hoch steigt, dass der Arbeitsspeicher überlastet ist. Das Gehirn beschäftigt sich mit der Sorge statt mit dem Inhalt. Es fehlt dir also nicht das Wissen, du kommst nur nicht mehr heran.
Wie lange dauert ein Blackout?
Meist wenige Sekunden, die sich sehr viel länger anfühlen. Wer in dem Moment eine Pause macht und ausatmet, kommt in der Regel innerhalb von etwa zehn Sekunden wieder heran. Wer hektisch weitersucht, verlängert den Zustand.
Merkt das Publikum ein Blackout?
Eine ruhige Pause von einigen Sekunden nimmt kaum jemand als Blackout wahr, sondern als Nachdenken oder Betonung. Auffällig wird es erst durch die Begleiterscheinungen: hektisches Blättern, Entschuldigungen oder ein abgebrochener Satz.
Wie beuge ich einem Blackout vor?
Über die Struktur, nicht über mehr Auswendiglernen. Lern die Einleitung bis zur Ankündigung des Themas und den Schluss wörtlich, den Hauptteil als Abfolge von wenigen Kernaussagen. Ein auswendig gelernter Fließtext bricht bei einem vergessenen Wort komplett zusammen, eine Struktur nicht.
Helfen Karteikarten gegen ein Blackout?
Ja, wenn darauf Stichworte stehen und keine ausformulierten Sätze. Ausformulierte Karten verleiten zum Suchen nach der richtigen Stelle. Genau das Suchen kostet die Zeit, die das Blackout sichtbar macht. Drei bis fünf Stichworte pro Abschnitt reichen.
Kann man Blackouts ganz verhindern?
Sicher verhindern lässt sich das nicht, aber die Wahrscheinlichkeit sinkt deutlich, wenn die Anspannung niedriger ist und die Struktur klar. Wichtiger als das Verhindern ist, einen Plan für den Fall zu haben. Wer weiß, was er dann tut, gerät seltener in die Spirale.
Quellen
- Beilock, S. L. & Carr, T. H. (2001). On the fragility of skilled performance: What governs choking under pressure? Journal of Experimental Psychology: General.
- Beilock, S. L. & Carr, T. H. (2005). When high-powered people fail: Working memory and choking under pressure in math. Psychological Science.
- Eysenck, M. W., Derakshan, N., Santos, R. & Calvo, M. G. (2007). Anxiety and cognitive performance: Attentional control theory. Emotion.
- Baumeister, R. F. (1984). Choking under pressure: Self-consciousness and paradoxical effects of incentives on skillful performance. Journal of Personality and Social Psychology.
- Ramirez, G. & Beilock, S. L. (2011). Writing about testing worries boosts exam performance in the classroom. Science, 331(6014), 211-213. Dazu die gescheiterte Replikation: Camerer, C. F. et al. (2018). Evaluating the replicability of social science experiments in Nature and Science between 2010 and 2015. Nature Human Behaviour, 2, 637-644.
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