Stimmtraining: Übungen für eine kräftige, belastbare Stimme

Von Jakob Dürnberger · Veröffentlicht:

Eine kräftige, voluminöse Stimme lesen Menschen als Entspannung und Entspannung als Sicherheit. Trainierbar ist sie über Atemdruck, Resonanz und Mundmuskulatur: eine Routine von fünf Minuten mit Stimmrohr und Korken, drei- bis viermal am Tag über dreißig Tage, dazu zwei Übungen für Volumen und Stimmumfang. Die Grundlage deiner Stimme ändert sich dabei nicht, wohl aber Tragfähigkeit, Ausdauer und die Klangfarbe unter Druck.

5 Minpro Durchgang, drei- bis viermal am Tag
30 Tagebis die Veränderung stabil ist
3 EffekteAusdruck, Volumen, Ausdauer

Was Stimmtraining im Beruf verändert

Deine Stimme ist das Instrument, mit dem du jeden Tag spielst. Im Meeting, am Telefon, in der Präsentation, im Gespräch mit einem Mitarbeiter. Die meisten Menschen haben dieses Instrument nie gestimmt. Sie spielen es so, wie es sich als Kind eingestellt hat, wundern sich aber, warum es am Nachmittag heiser wird oder unter Druck dünn klingt.

Drei Dinge verändern sich durch Stimmtraining, und zwar in dieser Reihenfolge.

Erstens der Ausdruck. Wer sein Instrument beherrscht, kann Emotionen hörbar machen: Begeisterung, Sicherheit, Verständnis. Andere nennen das Charisma. Welche Emotionen das im Beruf sind und wie du sie abrufst, ist mit den vier Tonalitäten ein eigenes Thema, an dieser Stelle bleibt es beim Instrument selbst.

Zweitens das Volumen. Eine kräftige, voluminöse Stimme verbinden Menschen mit Selbstsicherheit. Der Mechanismus dahinter ist unbewusst und deshalb so wirksam: Wer sich unsicher fühlt, spannt die Brustgegend an. Der Ton wird gepresst, dünn, kratzig.

Zuhörende hören das und schließen daraus, dass die Person angespannt ist. Eine voluminöse Stimme entsteht nur aus einem gelösten Rumpf. Wer so klingt, muss entspannt sein und wer entspannt ist, muss sich sicher fühlen. So läuft die Kette im Kopf des Publikums, ohne dass jemand darüber nachdenkt.

Drittens die Ausdauer. Du kannst die Stimme leichter und länger verwenden. Keine Ermüdung nach drei Stunden Workshop, kein ständiges Räuspern, nicht mehr das Gefühl, dass die Stimme gleich wegbleibt.

Was sich nicht ändert: die Grundlage. Länge und Masse deiner Stimmlippen bestimmen, in welchem Bereich deine Stimme liegt. Wer eine helle Stimme hat, bekommt durch Training keine dunkle. Das ist keine schlechte Nachricht, denn alles, was im Beruf zählt, sitzt auf dieser Grundlage auf.

Warum die Stimme unter Druck dünn wird

Bevor du übst, solltest du verstehen, was beim Sprechen passiert. Dann weißt du, warum die Übungen so aussehen, wie sie aussehen.

Beim Ausatmen entsteht unterhalb der Stimmlippen ein Luftdruck. Die Stimmforschung nennt ihn subglottischen Druck. Dieser Druck bringt die Stimmlippen in Schwingung, die ihrerseits einen Gegendruck erzeugen.

Solange beides im Gleichgewicht ist, schwingt die Stimme leicht, ohne viel Kraft. Gerät es aus dem Gleichgewicht, weil zu viel Luft gegen zu fest verschlossene Stimmlippen drückt oder zu wenig Luft gegen zu lockere, dann ermüdet die Stimme schnell.

Genau das passiert unter Anspannung. Die Atmung wird flach, Brust, Nacken und Kiefer spannen an und der Körper versucht, das fehlende Volumen mit Druck auszugleichen. Das Ergebnis klingt gepresst.

Der Stimmforscher Ingo Titze hat beschrieben, wie man dieses Gleichgewicht trainiert: mit einem teilweise verschlossenen Vokaltrakt.1 Wer durch ein dünnes Rohr summt, erzeugt am Mund einen Widerstand. Der Widerstand baut einen Gegendruck auf, der die Stimmlippen in eine günstige Position bringt. Du spürst nach wenigen Minuten, dass Sprechen leichter geht.

Das zweite Prinzip ist die Resonanz. Eine Akustikgitarre funktioniert nur wegen ihres Resonanzkörpers. Eine E-Gitarre hat keinen und braucht einen Verstärker.

Dein Rumpf, also Bauch und Brustkorb, ist dein Resonanzkörper. Wer ihn nicht zum Schwingen bringt, muss beim Sprechen viel Kraft aufwenden. Wer die eigene Frequenz trifft, spricht leichter, weil der Körper mitschwingt.

Aus beiden Prinzipien folgt die Routine.

Was Menschen versuchen und was tatsächlich wirkt

Lauter werden, um gehört zu werden→Resonanz im Rumpf, dann reicht die Stimme von selbst bis nach hinten
Künstlich tiefer sprechen→klingt gepresst, ermüdet, kippt unter Druck
Räuspern bei Kratzen im Hals→schlucken, ein Schluck Wasser, leise summen
Stimmübungen aus dem Netz, unregelmäßig→eine feste Routine, dreißig Tage, sichtbar hingelegt
Auf einen guten Tag hoffen→fünf Minuten vor dem Termin, jedes Mal

So geht die Fünf-Minuten-Routine mit Stimmrohr und Korken

Du brauchst zwei Dinge: einen Weinkorken und ein Stimmrohr oder einen stabilen Trinkhalm, am besten in zwei Stärken. Ein Durchgang dauert etwa fünf Minuten: vier Minuten Rohr, eine Minute Korken.

Zwei Regeln für das Rohr. Erstens: Die Luft geht nur durch das Rohr, nicht seitlich daran vorbei und nicht durch die Nase. Die Kontrolle ist einfach: Halte dir mitten in der Übung die Nase zu. Verändert sich der Ton trotzdem, hast du heimlich durch die Nase geatmet.

Zweitens: Beginne mit dem dickeren Rohr. Wenn das nach einigen Tagen leicht geht, wechsle zum dünneren. Das dünne Rohr wirkt schneller, ist aber anstrengender.

Eine zweite Kontrolle: Halte das Rohr in ein Glas Wasser und schau, ob du gleichmäßig Blasen erzeugst. Der Luftstrom soll konstant sein, nicht stoßweise.

Ein Durchgang, fünf Minuten Vier Übungen mit dem Rohr, eine mit dem Korken
Summen Minute 1 Stöße Minute 2 Tonleiter Minute 3 Melodie Minute 4 Korken Minute 5 Linie: Tonhöhe im Lauf der Minute
  1. Summen, eine MinuteSumm ein M durch das Rohr, in bequemer, mittlerer Tonhöhe. Wenn Lippen und Mund zu vibrieren beginnen, machst du es richtig. Luft nur durch das Rohr.
  2. Stöße, eine MinuteKurze, kräftige Stöße durch das Rohr, wie ein rhythmisches „M, M, M“. Die Vibration wandert in Mund, Kiefer und bis zum Ohr. Das ist der Resonanzkörper, der zu arbeiten beginnt.
  3. Tonleiter, eine MinuteGeh summend langsam die Tonleiter hinauf und wieder hinunter, wie eine Sirene. Zwischendurch Luft holen. Nutze den ganzen Umfang deiner Stimme, nicht nur die Mitte.
  4. Melodie, eine MinuteSumm die Melodie eines Liedes durch das Rohr. Das ist anspruchsvoller, weil mehrere Tonhöhen schnell wechseln. Ich nehme meistens ein Stück von Mozart. Jedes Lied, das du sicher kennst, geht.
  5. Korken, eine MinuteBeiß auf den Korken und sprich fünf komplizierte Sätze, jeden einmal. Zum Beispiel: „Die schnelle braune Füchsin springt über den faulen Hund, während der leise Wind durch die Bäume weht.“ Und: „Ein kluger Kopf kann kluge Konzepte klar kommunizieren, auch wenn die Bedingungen nicht optimal sind.“ Versprecher sind egal.

Der Korken hat zwei Enden, ein dickeres und ein dünneres. Wer einen kleineren Mund hat, nimmt die dünne Seite. Der Zweck dieser Minute ist die Mundmuskulatur.

Viele Menschen machen beim Sprechen den Mund nicht richtig auf und arbeiten nicht mit den Gesichtsmuskeln. Dann werden Laute und ganze Wörter verschluckt, was nicht souverän wirkt. Mit dem Korken im Mund müssen Lippen, Zunge und Wangen ein Vielfaches leisten.

Nimm ihn heraus und sprich denselben Satz noch einmal. Es fühlt sich an wie Joggen, nachdem du die Sandsäcke von den Beinen genommen hast.

Nach dem Durchgang sprichst du irgendeinen Satz in den Raum hinein, ruhig mit etwas Nachdruck. Du wirst hören, dass die Stimme voller und leichter klingt als fünf Minuten vorher. Dieser Effekt ist nach einem einzigen Durchgang da. Stabil wird er erst durch Wiederholung.

Wie du Volumen und Stimmumfang erweiterst

Die Routine mit dem Rohr ist das Fundament. Zwei weitere Übungen setze ich im Coaching ein, wenn jemand sich stimmlich zurückhält oder nur einen schmalen Tonbereich nutzt. Beide dauern ein bis zwei Minuten und brauchen kein Hilfsmittel.

Die Nay-Übung. Sprich das Wort „Nay“ und geh damit die Tonleiter hinauf und hinunter, Stufe für Stufe, deutlich abgesetzt. Nicht schön singen, sondern klar abstufen.

Abgesetzt statt gleitend Die Tonleiter mit dem Rohr und mit „Nay“
Mit dem Rohr: wie eine Sirene Nay: Stufe für Stufe Nicht schön singen, sondern klar abstufen.

Von ihrem Stimmumfang verwenden die meisten Menschen nur einen kleinen Teil. Das ist, als hättest du ein Klavier mit 88 Tasten und würdest nur acht davon spielen. Wer Betonung und Lebendigkeit in die Stimme bringen will, braucht Zugang zu mehr Tasten. Die Nay-Übung öffnet diesen Zugang.

Die Vokalübung. Sprich die Vokale A, E, I, O, U, jeden einen ganzen Atemzug lang, voluminös wie ein Opernsänger. Die Regel dabei: mit wenig Energie einen starken Ton produzieren. Nicht pressen, nicht schreien, nicht wie jemand, der zu streiten anfängt.

Aufrecht sitzen oder stehen, den Bauch locker lassen, die Luft aus dem Bauchbereich herausdrücken statt aus der Brust. Beim ersten Versuch klingt es meistens noch gepresst, beim zweiten deutlich besser. Der Zweck: sich nicht mehr zurückzuhalten, die Brust nicht mehr einzuschnüren, einen klaren Ton zu erzeugen, der aus dem Rumpf kommt.

Ein Wort zur Lautstärke, weil hier fast alle in dieselbe Falle laufen. Intensität ist nicht Lautstärke. Du kannst leiser werden und die Intensität gleich halten. Genauso kannst du laut sein und trotzdem dünn klingen.

Was das Publikum als Kraft hört, ist die Resonanz und die Energie hinter dem Ton, nicht die Dezibel. Wie du Intensität aufbaust, ohne lauter zu werden, beschreibe ich weiter unten und im Beitrag zum leisen Sprechen.

Wie oft solltest du deine Stimme trainieren?

Meine Empfehlung: ein Durchgang von fünf Minuten, drei- bis viermal am Tag, dreißig Tage lang. Das sind eine Viertelstunde bis zwanzig Minuten täglich und genau die Dosis, mit der sich das neue Gleichgewicht einschleift.

Drei Dinge helfen beim Durchhalten.

  1. Sichtbar machen. Druck dir die Übungsfolge aus und leg das Blatt mit dem Rohr dorthin, wo du ohnehin täglich stehst: Badezimmer, Schreibtisch, Auto. Ohne visuellen Auslöser vergisst du es nach vier Tagen. Nicht aus Faulheit, sondern weil das Gehirn Neues nicht von selbst abruft.
  2. An Gewohnheiten hängen. Nach dem Zähneputzen, vor dem ersten Termin, im Auto vor dem Aussteigen. Übungen, die an eine bestehende Gewohnheit gekoppelt sind, überleben. Übungen, die einen freien Moment brauchen, nicht.
  3. Die Bonusminute. Nach jedem Durchgang eine Minute frei sprechen: dreißig Sekunden begeistert, dreißig Sekunden mit absoluter Sicherheit. Etwa: „Ich freue mich, dass ich die Übungen gemacht habe, und ich bin sicher, dass ich den Effekt bald in jedem Gespräch höre.“ Das klingt banal, verbindet aber die technische Übung mit dem, wofür du sie machst. Die Stimme soll nicht im Badezimmer gut klingen, sondern im Meeting.

Und ein Einwand, der in fast jedem Coaching kommt: „Was mache ich da mit einem Rohr im Badezimmer? Ich bin nicht der Typ dafür.“ Meine Antwort ist eine Geschichte.

Arnold Schwarzenegger hat in seiner Zeit als Bodybuilder Ballettunterricht genommen, um zu lernen, wie man elegant dasteht und posiert.2 Er war sich nicht zu schade dafür und hat damit Titel gewonnen. Wer die Wirkung einer kräftigen Stimme haben will, nimmt die fünf Minuten mit dem Rohr in Kauf. Spätestens wenn andere fragen, was du anders machst, ist die Frage nach dem Typ erledigt.

Die 30-Tage-Challenge So siehst du den Unterschied, statt ihn zu vermuten
  • Tag 0: Nimm einen beliebigen Text, etwa einen Lexikonartikel, lies ihn eine Minute lang laut und filme dich dabei mit dem Handy. Kein Vorbereiten, kein zweiter Versuch.
  • Tag 1 bis 30: Drei bis vier Durchgänge täglich, je fünf Minuten. Wer will, macht die Bonusminute dazu.
  • Tag 30: Denselben Text, wieder eine Minute, wieder gefilmt. Achte auf Volumen, Klarheit der Laute und darauf, wie leicht das Sprechen wirkt.
  • Der Vergleich: Sieh dir beide Aufnahmen hintereinander an. Der Unterschied ist bei fast allen deutlich hörbar. Wer ihn jemandem zeigt, hat zusätzlich Verbindlichkeit.

So wärmst du die Stimme vor einem langen Sprechtag auf

Wer sechs Stunden Workshop, drei Termine hintereinander oder eine lange Präsentation vor sich hat, investiert zehn Minuten. Die Routine ist der Kern, zwei Dinge kommen dazu.

  1. Drei Minuten bewegen: Stiegen, Gang, Schultern kreisen. Die Stimme hängt am Körper. Ein Körper, der zwei Stunden im Auto saß, gibt keine Resonanz.
  2. Fünf Minuten Routine: Rohr und Korken, wie oben.
  3. Zwei Minuten in Vortragslautstärke: drei Sätze aus dem, was du später sagen wirst, mit Nachdruck, in den leeren Raum.

Der letzte Punkt wird fast immer ausgelassen und ist der wichtigste. Die erste Äußerung eines Termins ist die wackeligste, weil die Stimme kalt ist und die Anspannung am höchsten. Verschieb diese erste Äußerung auf einen Moment, in dem niemand zuhört.

Warum die Stimme am Nachmittag nachlässt

Ein Thema, das im Berufsalltag häufiger auftritt als der einzelne Auftritt: Die Stimme hält am Vormittag und lässt am Nachmittag nach. Das hat meistens nicht mit der Stimme zu tun, sondern mit vier Gewohnheiten.

  • Zu wenig Wasser. Die Stimmlippen brauchen Feuchtigkeit. Ein Glas pro Stunde ist die simpelste Maßnahme.
  • Sprechen gegen Lärm. Klimaanlage, Beamer, Hintergrundgeräusche. Wer dagegen ankommt, erhöht den Druck über Stunden. Wenn möglich: Lärmquelle abstellen statt lauter werden.
  • Keine Pausen. Sechs Stunden ohne Sprechpause sind für die Stimme etwas anderes als sechs Stunden mit fünf Unterbrechungen.
  • Sitzen mit eingeengtem Brustkorb. Nach zwei Stunden nach vorne gebeugt fehlt die Resonanz und der Ausgleich passiert über den Kehlkopf. Rücken frei von der Lehne, Füße am Boden. Was Haltung sonst noch bewirkt, steht in Hände beim Reden.

Und das Räuspern. Bei einem Kratzen im Hals ist Räuspern der Reflex. Dabei schlagen die Stimmlippen hart aufeinander, was die Reizung verstärkt, was das nächste Räuspern auslöst. Über einen langen Tag entsteht daraus eine Schleife, die mit Heiserkeit endet.

Stattdessen: schlucken, ein Schluck Wasser, oder ein leises Summen. Nach einem Monat Routine mit dem Rohr verschwindet das Räuspern bei den meisten von selbst, weil das Druckgleichgewicht stimmt.

Die Räusper-Schleife Wie aus einem Kratzen über den Tag Heiserkeit wird und wo du aussteigst
Kratzen im Hals Räuspern Stimmlippen schlagen aufeinander Reizung Schleife über den Tag Heiserkeit schlucken Wasser Summen stattdessen
  1. Die SchleifeBei einem Kratzen ist Räuspern der Reflex. Die Stimmlippen schlagen hart aufeinander, das verstärkt die Reizung und die löst das nächste Räuspern aus.
  2. Am Ende des TagesÜber einen langen Tag endet die Schleife mit Heiserkeit.
  3. Der AuswegStattdessen schlucken, ein Schluck Wasser oder ein leises Summen.

Was mit der Stimme im Termin passiert

Alles oben gilt für die Übungssituation. Im Termin kommt ein Faktor dazu, den kein Stimmtraining allein löst: die Anspannung.

Unter Druck wird die Atmung flach, die Brust spannt an und die Stimme rutscht nach oben und wird dünn. Das ist nicht das Instrument, das versagt, sondern der Spieler, der sich verkrampft. Die Routine hilft trotzdem, aus zwei Gründen: Wer dreißig Tage geübt hat, hat ein neues Grundniveau, von dem er unter Druck ausgeht. Und wer fünf Minuten vor dem Termin summt, geht mit einer warmen, gelösten Stimme hinein statt mit einer kalten.

Was darüber hinaus hilft, hat mit der Absicht zu tun. Eine Stimme, die eine klare Emotion transportieren soll, stimmt sich von selbst ein. Wer sich vor dem ersten Satz drei Sekunden nimmt und entscheidet, ob er begeistert oder mit absoluter Sicherheit sprechen will, bekommt die Stimme dazu geliefert.

Das ist keine Technik, sondern die Art, wie Stimme funktioniert: Sie folgt der Emotion, nicht dem Vorsatz. Was im Akutfall bei zitternder Stimme hilft, steht in Zittrige Stimme bei Aufregung.

Was Stimmtraining nicht leisten kann

Drei ehrliche Grenzen, weil hier viel versprochen wird.

Es verändert nicht deine Stimmlage. Wer tiefer klingen will, bekommt durch Volumen und Betonung nach unten den Eindruck von Tiefe, nicht eine andere Stimme. Und das reicht. Niemand hat je eine Budgetfreigabe wegen einer tiefen Stimme bekommen, aber viele wegen einer, die sicher klang.

Eine ärztliche Abklärung ersetzt es nicht. Wenn Heiserkeit über zwei bis drei Wochen bleibt, wenn Sprechen anstrengt oder wehtut, wenn sich der Klang dauerhaft verändert hat oder die Stimme ohne erkennbaren Anlass wegbleibt, gehört das zur Ärztin oder zum Arzt, nicht ins Training. Ich trainiere Sprechen und Auftreten. Die Grenze ist wichtig.

Es wirkt nicht über Nacht. Der erste Effekt ist nach fünf Minuten da, die Gewohnheit nach dreißig Tagen. Wer nach einer Woche aufhört, hat die fünf Minuten gespürt und den Monat verschenkt.

Aus meiner Coaching-Praxis: Lukas, der selbst im Team mit seinem Vater und seinem Bruder Rennen fährt, führt ein Unternehmen, das Fahrerlebnisse für Kunden organisiert. Den Namen habe ich geändert. Er hat sich als monoton beschrieben und sich stimmlich zurückgehalten. In der Aufnahme ist das deutlich zu hören gewesen: ein kluger Mensch, der führen kann, aber mit einer Stimme wie hinter einer Handbremse.

Wir haben zwei Übungen eingeführt, die Nay-Übung für den Stimmumfang und die Vokalübung aus dem Bauch. Beim ersten Versuch hat das A noch gepresst geklungen, beim zweiten ist es aus dem Rumpf gekommen und er hat den Unterschied sofort gehört. Sein Einwand ist der gewesen, den ich am häufigsten höre: Er wolle nicht wie diese lauten Menschen wirken, die er selbst unangenehm findet. Also haben wir es getrennt: nicht lauter, sondern intensiver. Am Ende der Sitzung hat er seinem Team eine Neuigkeit angekündigt und in der zweiten Hälfte ist er drin gewesen.

Was ich daraus mitnehme: Die meisten Menschen glauben, ihre Stimme sei so, wie sie ist. Sie ist so, wie sie seit zwanzig Jahren benutzt wird.

Eine Stimme, die im Termin genauso trägt

Wenn du beim Üben gut klingst und im Termin nicht. Oder wenn du die Übungen kennst und nach einer Woche liegen lässt. Beides ist der Normalfall und lässt sich allein schwer korrigieren, weil du dich selbst anders hörst, als andere dich hören.

Deshalb arbeite ich im 1:1-Coaching mit Aufnahmen: Wir hören, wo die Stimme unter Anspannung kippt. Genau dort setzen wir die Übungen an. Die Routine bekommst du als Hausaufgabe, die Wirkung überprüfen wir in der nächsten Sitzung. Hier findest du mehr Informationen, wie wir im Coaching an deiner Stimme arbeiten.

Häufige Fragen

Kann man seine Stimme trainieren?

Ja, und zwar drei Dinge: den Ausdruck, also wie viel Emotion in der Stimme hörbar wird, das Volumen, also wie kräftig und entspannt sie klingt, und die Ausdauer, also wie lange sie ohne Räuspern und Ermüden durchhält. Die anatomische Grundlage, deine Stimmlage, ändert sich nicht.

Wie lange dauert Stimmtraining, bis man etwas merkt?

Den ersten Effekt hörst du nach einem einzigen Durchgang von fünf Minuten, wenn du danach in den Raum sprichst. Stabil wird die Veränderung nach etwa dreißig Tagen mit drei bis vier Durchgängen täglich. Danach genügt ein Durchgang vor wichtigen Terminen.

Was bringt ein Stimmrohr oder Strohhalm?

Das Rohr erzeugt beim Summen einen Widerstand am Mund. Dadurch entsteht ein Gegendruck, der die Stimmlippen in eine günstige Position bringt und den Luftdruck unter ihnen ausbalanciert. Das Prinzip heißt in der Stimmforschung teilverschlossener Vokaltrakt. Man spricht danach leichter und ermüdet langsamer.

Wozu die Übung mit dem Korken?

Wer auf einen Korken beißt und dabei komplizierte Sätze spricht, muss Lippen, Zunge und Gesichtsmuskulatur viel stärker einsetzen. Ohne Korken fühlt sich das Sprechen danach an wie Laufen ohne Sandsäcke an den Beinen: Laute werden klarer, Wörter werden nicht mehr verschluckt, Füllwörter fallen leichter weg.

Warum wirkt eine kräftige Stimme sicherer?

Weil Zuhörende unbewusst schließen: Wer angespannt ist, presst. Wer entspannt klingt, muss sich sicher fühlen. Eine gepresste, dünne Stimme entsteht durch Anspannung in Brust und Hals. Eine voluminöse Stimme entsteht aus einem gelösten Rumpf, was andere als Sicherheit hören.

Sollte ich versuchen, tiefer zu sprechen?

Nicht durch Drücken. Eine künstlich gesenkte Stimme klingt gepresst und ermüdet schnell. Was tatsächlich tiefer und voller klingt, ist eine Stimme, die aus dem Bauch heraus kommt und am Satzende nach unten geht. Beides ist trainierbar, ohne die Stimmlage zu verändern.

Wie oft sollte ich üben?

Fünf Minuten pro Durchgang, drei- bis viermal am Tag, dreißig Tage lang. Das sind eine Viertelstunde bis zwanzig Minuten täglich, verteilt auf drei bis vier kurze Durchgänge. Leg das Arbeitsblatt oder das Rohr sichtbar hin, sonst vergisst du es. Vorher und nachher filmst du denselben Text, dann hörst du den Unterschied.

Wann gehört eine Stimme ärztlich abgeklärt?

Wenn Heiserkeit über zwei bis drei Wochen bleibt, wenn Sprechen anstrengt oder wehtut, wenn sich der Klang dauerhaft verändert hat oder die Stimme ohne Anlass wegbleibt. Das ist dann keine Frage von Training. Ich trainiere Sprechen und Auftreten, keine Stimmstörungen.

Quellen

  1. Titze, I. R. (2006). Voice training and therapy with a semi-occluded vocal tract: Rationale and scientific underpinnings. Journal of Speech, Language, and Hearing Research, 49(2), 448-459.
  2. Butler, G. & Fiore, R. (1977). Pumping Iron. Dokumentarfilm. Die Eröffnungsszene zeigt Schwarzenegger und Franco Columbu beim Ballettunterricht in New York.
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